Handyfotos sind für die Flüchtlinge oft die einzigen Erinnerungen

Von Maren Martell, dpa

Die Bilder zeigen Geburtstagsfeiern, Angehörige, Freunde oder die früheren Wohnorte. Auf ihrer Flucht können die meisten Flüchtlinge kaum etwas Persönliches mitnehmen. Meist erinnern nur Fotos auf dem Smartphone an ihr früheres Leben.

 +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Vor gut einem Jahr saß er noch in dunklem Anzug und weißem Hemd in einem schicken Büro in Kabul. «Da arbeitete ich in einem großen Telekommunikationsunternehmen und hatte elf Mitarbeiter unter mir.» Mohammad seufzt tief. Heute steht der kräftige, dunkelhäutige Mann in ausgetretenen Badelatschen und blauer Trainingsjacke in dem Büro einer Flüchtlingsunterkunft im oberbayerischen Garmisch-Partenkirchen und zeigt Handyfotos von seinem Arbeitsplatz in Afghanistan. Aus Angst vor den Repressalien der Taliban hatte der 26-Jährige zusammen mit zwei Schwestern und Brüdern im September seine Heimat verlassen.

Rund 320 Migranten aus 14 Nationen befinden sich derzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung in Garmisch-Partenkirchen, einem alten Krankenhauskomplex aus den 1930er Jahren. «Ein Großteil kommt aus Syrien oder Afghanistan», erzählt Ulrike Kunze, die die Einrichtung leitet. Nur wenige persönliche Gegenstände können die meisten Flüchtlinge auf ihrer oft wochenlangen Flucht mitnehmen. Fotos auf dem Smartphone sind häufig die einzigen Erinnerungen. Erinnerungen an ein Leben, in das sie so schnell nicht oder vielleicht auch nie wieder zurückkehren werden.

Der 28 Jahre alten Suad fällt es sichtlich schwer, von ihrem Zuhause im syrischen Homs zu erzählen. Ein Foto auf ihrem Handy zeigt ein gelbes Gebäude in schöner Umgebung. Viel Grün ist zu sehen und im Hintergrund ein fast mediterranes Bergidyll. Auf einem Hügel hockt ihr Bruder Ahmad mit Sonnenbrille und grinst in die Kamera. Ein Bild aus besseren Tagen. Das Mehrfamilienhaus sei mittlerweile total zerstört, von den Bomben der Assad-Truppen. Suad lebte dort bis zu ihrer Flucht nach Deutschland in einem Dreizimmer-Appartement, zusammen mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter. «Wie es jetzt dort aussieht, weiß ich nicht», sagt die gelernte Krankenschwester und wendet verzweifelt ihren Blick ab.

Ebenfalls um Fassung ringt der 37-jährige Nadeem. Auch er ist aus Syrien geflohen. Vor zwei Monaten kam er in Deutschland an und ist seitdem in Garmisch-Partenkirchen untergebracht. Auf seinem Handy zeigt er das Foto seiner beiden Söhne Salem und Mohamed. Sie sind dort vor einem Sofa zu sehen, im einstigen Wohnzimmer der Familie. «Ich vermisse sie sehr», sagt Nadeem mit ganz leiser Stimme. «Hoffentlich geht es ihnen gut.» Seit mehr als einem Jahr hat er sie nicht mehr gesehen. So oft es geht, versucht er mit seinen Angehörigen in Syrien zu telefonieren. «Die Angst um sie ist immer da.»

Auch Kelsum hat auf ihrem Smartphone ein Foto, das von besseren Tagen in ihrem Leben zeugt. Mit tieftraurigem Gesicht und Tränen in den Augen zeigt die Frau mit schwarzem Kopftuch das Bild von der Geburtstagsfeier ihrer kleinen Tochter Hilbi. Da ist sie als Vierjährige in einem schönem weißen Kleidchen zu sehen. Vor ihr ein mit Früchten und einer prächtigen Geburtstagstorte gedeckter Tisch. Im Herbst war die 38 Jahre alte Kelsum mit ihrer Tochter, einem Cousin und einem Bruder in einem kleinen Boot über das Mittelmeer geflohen. Die weitere Fluchtroute führte sie über den Balkan, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Gut 40 Tage waren sie unterwegs. «Ich habe auf meiner Flucht nur etwas Kleidung mitnehmen können.»

«Diese Bilder hier hingen in unserem Wohnzimmer» – der 43 Jahre alte Hamid aus Kabul zeigt auf seinem Handy zwei abfotografierte Schwarz-Weiß-Fotos mit Angehörigen. Auf dem einen sind sein Vater und Großvater abgebildet, auf dem anderen die Großfamilie mit Onkel, Tante und vielen Kindern. Der 42-jährige Hamza hat ein Foto auf seinem Handy herausgesucht, auf dem er zusammen mit Krankenhaus-Mitarbeitern in Damaskus zu sehen ist. «Da haben wir den erfolgreichen Universitätsabschluss eines Arztes gefeiert», berichtet er. Einige seiner früheren Kollegen seien noch dort. «Wie es ihnen jetzt geht, weiß ich nicht.» Hamza floh aus Angst vor den vielen Bombenangriffen. Seit zwei Monaten ist der gelernte Physiotherapeut nun in Deutschland.

«Und hier war ich immer gerne, wenn ich einfach mal auf andere Gedanken kommen wollte.» Auf dem Handyfoto ist Wajih in Latakia am Meer vor einer wunderschönen Felsgrotte abgebildet. Für den 29 Jahre alten Studenten aus Damaskus war das ein Zufluchtsort in den syrischen Kriegswirren. Seit fast einem Jahr ist er nun schon in Deutschland. Weil er englisch und mittlerweile auch recht gut deutsch spricht, hilft er in der Flüchtlingsunterkunft in Garmisch-Partenkirchen als Dolmetscher aus. Seine Familie lebt noch in der syrischen Küstenstadt Latakia. Er selber hofft nun auf eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland.

Wie wenig die Migranten auf ihrer Flucht mitnehmen, zeigt auch die Schüler-Ausstellung «Wir begegnen Flüchtlingen», die noch bis Sonntag in der Realschule Herrsching am oberbayerischen Ammersee präsentiert wird. Dort haben die Schüler unter anderem dargestellt, was die Flüchtlinge in ihrem Gepäck dabei haben. «Es ist oft außer der Kleidung an ihrem Körper nur etwas Babynahrung, ein Seife, Zahnpasta und das Handyladegerät», berichtet eine Schülerin.



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